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BaukulturpreisProjekt



Bauen aus der Not

Architektur und Städtebau in Thüringen 1945–1949, Dissertation

Inhalt
Die Jahre 1945-1949 stehen zwischen Kriegsende und doppelter Republikgründung in Deutschland für eine Phase der Suche. Das Bauen und das Nachdenken darüber waren ein Feld, auf dem zwischen Tradition und Moderne Position zu beziehen war. Ein besonderer Austragungsort dieser Orientierung war das Land Thüringen in der sowjetischen Besatzungszone. Fern der Ballungszentren war es das gewünschte und nicht so sehr das realisierte Bauen, das sich trotz materi-ellen Mangels dennoch neuerungsbewusst geben wollte. Dieses Arbeit erfasst Architektur und Städtebau als kulturelle Antwort auf materielle und moralische Nöte der Zeit. Anhand von Bauaufgaben zwischen Bauernhof und Stadtzentrum lässt sich Thüringen für diese Übergangsjahre als ein eigenes Diskussionsmilieu beschreiben.

Relevanz
Zum Bauen nach 1945 ist, bezogen auf Westdeutschland, schon viel geschrieben worden. Zur SBZ hingegen wurden erst jüngst einige wissenschaftliche Arbeiten publiziert. Fast ausnahmslos von Kunsthistorikern veröffentlicht und mit deutlichem Schwerpunkt auf Großstädte und insbesondere Berlin, blieb Thüringen bislang bezogen auf das Planen und Bauen der unmittelbaren Nachkriegszeit noch unbeleuchtet. Damit wird erstmals eine kurze aber ereignisreiche Phase der Architekturgeschichte in der Mitte Deutschlands beleuchtet. Vor der Gründung der DDR und vor der Adaptierung sowjetischer Maßgaben boten sich Freiräume in der Planung und in der Diskussion, wie man künftig bauen sollte. Anstelle einer reinen Gebäudesammlung oder -beschreibung versucht die Arbeit, durch eine breite Themenwahl

(z.B. Denkmalsneuwidmungen und Umwidmungen, erstes KZ-Gedenken, Wiederaufbau von Städten, Weimarer Klassikerstätten oder Neue Siedlungsformen) der kulturellen Eigenart Thüringens Rechnung zu tragen und die größten inhaltlichen Herausforderungen im Bauen zu identifizieren.

Aus dem Blickwinkel des praktizierenden Architekten ergibt sich eine teilnehmende Beobachtung von Gestaltungs- und Verwaltungsprozesse sowie den spezifischen Thüringer Bedingungen. Einen besonderen Augenmerk legt die Arbeit auf die Gründungsversuche einer Architektenkammer nach 1945 und die Umstände, in denen Architekten nach 1945 in ihrem Beruf tätig werden konnten.

Anerkennung
Thüringer Preis zur Förderung der Baukultur 2010
Rubrik: Wissenschaftliche Arbeiten

Beteiligte

Autor
Ulrich Wieler
Weimar

Betreuer/ Mentor
Bauhaus-Universität Weimar
Prof. Dr.-Ing. Gerd Zimmermann

Gutachter
Universität Leipzig
Prof. Dr. Thomas Topfstedt

Gutachter
Technische Universität Darmstadt
Prof. Dr. Werner Durth

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Beurteilung des Preisgerichts

Mit der Entwicklung von „Planen und Bauen in Thüringen 1945-49“ greift der Autor ein einerseits historisches Thema auf, das andererseits durch einen starken Bezug zur Gegenwart gekennzeichnet ist. Denn vielfach in Verruf geraten und bautechnisch in eine Erneuerungsphase gekommen, ist die Architektur dieser Zeit zum Teil akut bedroht, ohne dass gerade in Thüringen eine sorgfältige Analyse en detail vorliegen würde. Dieser widmet sich der Autor mit angemessener Sorgfalt.

Dabei berücksichtigt er für diese frühe Nachkriegszeit in der Sowjetisch Besetzten Zone des noch ungeteilten Deutschlands gesellschaftspolitische, weltanschauliche und wirtschaftsstrategische Aspekte. Er analysiert die Region, die als „Grünes Herz“ des Landes auserkoren war, und benennt Bodenreform, ländliches Bauen und Kulturversorgung als die baukulturell relevanten Schwerpunkte vor dem Hintergrund der gesamtdeutschen Diskussion nach 1945. Personen und Institutionen suchten neue Rollen – das gilt auch für die Hochschulen in der Landeshauptstadt Weimar, wo Hermann Henselmann bis 1949 Direktor war. Der Autor arbeit deutlich heraus, dass auch in Thüringen „keine moralisch lautere Pause zwischen Nationalsozialismus und SED-Staat für die Architektur“ zu retten ist.

Anzuerkennen ist, dass sich Ulrich Wieler einem schwierigen Thema zwischen Historie und Aktualität widmete und sorgfältig recherchierte. Ein jüngeres Kapitel in der Thüringer Baugeschichte wurde umsichtig erschlossen – bleibt der Wunsch der Jury, dass ein Verlag für die Dissertation gefunden werde.

Der Erläuterungstext und die Angaben zu Beteiligten/ Fotografen wurden von der Stiftung Baukultur Thüringen weder geprüft noch korrigiert oder lektoriert. Verantwortlich für den Inhalt: Ulrich Wieler (Einreicher).