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NeuesAnmerkungen zum künftigen ICE-Kreuz Erfurt aus der Sicht der Raum- und Stadtplanung



Anmerkungen zum künftigen ICE-Kreuz Erfurt aus der Sicht der Raum- und Stadtplanung

20. Mär 2013 ▪ Ingenieurkammer Thüringen

Bund und Land präsentieren Mittelthüringen mit dem ICE-Kreuz das vielleicht größte Geschenk künftiger Jahrzehnte. Der Freistaat hat dafür kaum finanzielle Belastungen übernehmen müssen. Wenn im Dezember 2015 die Schnellfahrstrecke nach Halle/Leipzig eröffnet wird und im Dezember 2017 die ICE-Trasse nach Nürnberg/München, verschiebt sich das Zeitgerüst für den Schienenverkehr so grundlegend, wie nie zuvor. Die spannende Frage ist, wie die Regionen und Städte in Thüringen darauf reagieren: Beschränken sie sich auf die prominente Teilnahme an den Eröffnungszeremonien oder setzen sie neue städtebauliche Entwicklungen im Bahnhofsumfeld in Gang. Bisher ist eine solche Entwicklung nicht einmal in Erfurt erkennbar, obwohl gerade Erfurt der Hauptnutznießer des ICE-Kreuzes sein wird. Wenn man die Erfahrungswerte mit Bebauungsplänen in Ansatz bringt, wird sich zumindest in Erfurt 2015 und 2017 kein Kran in Bahnhofsnähe drehen. Ist die Landeshauptstadt dabei, eine einmalige Chance zu verpassen?


Mit der Verkürzung der Fahrzeiten im schnellfahrenden Eisenbahnnetz ist der Raum Leipzig, Dresden, Ingolstadt, Frankfurt am Main in weniger als 2 Stunden erreichbar. Erfurt, ja selbst Weimar werden so zu geradezu idealen Standorten für Tagungen. Ein Tagungszentrum mit Hotelperipherie und einem begrenzten Ladenangebot liegt also auf der Hand. Zurzeit betreibt die Landeshauptstadt im Zusammenhang mit einer Fußballarena indes die Errichtung eines Kongresszentrums am Stadtrand, also weit ab vom ICE-Kreuz. Wie das zusammenläuft, erschließt sich dem Außenstehenden nicht.

2015/2017 kommt es auf der Stammstrecke Erfurt-Halle/Leipzig und Saalfeld-Leipzig zur Ablösung der DB AG durch die holländische Eisenbahngesellschaft „Abellio“ und auf dem Ostthüringer Netz durch die „Elster-Saale-Bahn“ und damit zu einer Neuordnung auch im Regionalexpressnetz. Die Tragweite dieses Verdrängungswettbewerbes der DB AG ist noch gar nicht abzuschätzen. Wenn die Ankündigungen beider Gesellschaften eintreffen, sind auf den Regionalstrecken Züge in der Qualität nahe der bekannten ICE-Qualität zu erwarten. „Abellio“ bezeichnet ihre Züge als „Silberpfeil“, das signalisiert auch eine Anhebung der Geschwindigkeit. Damit sind Weimar, Jena und Gera nach 2015 von Fernzielen aus wesentlich schneller erreichbar als heute. Gera hat dies als Chance begriffen, Weimar als Niederlage. Vielleicht erweist sich das (Bahner-)Leben nach 2015/2017 als heilsames Korrektiv. Chancen muss man auch dann ergreifen, wenn sie ein Abschied von Gewohntem sind.

In der Reflektion der Veranstaltung der Thüringer Stiftung Baukultur wird deutlich, dass es bisher noch nicht zu einer großräumigen Betrachtung der Auswirkungen des zu erwartenden ICE-Kreuzes gekommen ist. Keine Gemeinde Mittelthüringens, auch nicht die Regionale Planungsversammlung Thüringen-Mitte (deren wissenschaftlichem Beirat die Ingenieurkammer Thüringen angehört) bearbeiten bisher Folge-Projekte zum ICE-Kreuz. Die fast gebetsmühlenartigen Ankündigungen der DB AG (auch die Veranstaltung der Stiftung Baukultur war eine solche Gebetsmühle) haben noch keine Impulse ins Land hinein gesetzt. Es wird aber höchste Zeit.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Hermann H. Saitz
Mitglied der Ingenieurkammer

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